Porträt

Das unglaubliche Jahr der Helen Briem


19. November 2021 , Thomas Kirmaier


Siegerrede: Helen Briem hatte ein unglaublich erfolgreiches Jahr 2021 - national wie international. © EGA
Siegerrede: Helen Briem hatte ein unglaublich erfolgreiches Jahr 2021 - national wie international. © EGA


Die 16-jährige Nationalspielerin Helen Briem aus Schwaben eilte in der Saison 2021 von Sieg zu Sieg. Solheim Cup? Olympia? Die Ziele gehen ihr nicht aus.

Manchmal kommt es im Leben ganz anders als man denkt. Alles lässt sich eben doch nicht planen. Aber vieles. Wer Gipfel erklimmen will, der braucht nicht nur Talent, sondern muss auch hart arbeiten. Bei ihr hat das intensive Training in der Saison 2021 auf jeden Fall Früchte getragen: Helen Briem ist so etwas wie der Shootingstar im deutschen Mädchen-Golf. Egal, an welchem Turnier die Nationalspielerin teilnahm, sie spielte immer ganz vorne mit. In diesen Tagen ist es etwas ruhiger geworden um die Athletin aus dem Golf Team Germany. Die Vorbereitung auf die neue Saison hat allerdings längst begonnen.

Kann man ein Sieger-Gen, die Mentalität, unbedingt gewinnen zu wollen, vererbt bekommen? Wohl ja. Dass Helen Briem so gut Golf spielt, ist wohl auch dem Knie des Vaters zu verdanken. „Ich habe Handball gespielt, mich am Knie verletzt und zwei Jahre Zwangspause verordnet bekommen. In dieser Zeit habe ich meine Frau dazu animieren können, mit auf den Golfplatz zu gehen. Da war Helenchen als Zweijährige schon dabei“, erzählt Papa Jochen Briem. Er erinnert sich, dass es zunächst die größte Herausforderung für das kleine Töchterlein war, den Ball aufs Tee zu legen.

Nationalspielerin Helen Briem vertrat Team Europa erfolgreich beim Junior Solheim Cup in Ohio/USA. © AJGA

Nationalspielerin Helen Briem vertrat Team Europa erfolgreich beim Junior Solheim Cup in Ohio/USA. © AJGA

Es folgten aber bald die ersten Schwünge, die ersten Schläge. Und schnell war klar, die junge Dame hat nicht nur Spaß am Golf, sondern kann es auch ziemlich gut. Die Platzreife hatte sie mit fünf Jahren. So viel zu den Anfängen. In 2021 gipfelte das Ganze dann in einer Saison, wie sie wohl noch nie ein Teenager aus Deutschland gespielt hatte. Helen Briem gewann die Deutsche Lochspielmeisterschaft im Finale gegen Europameisterin Paula Schulz-Hanßen, glänzte mit dem Junior Team Germany beim European Young Masters in Finnland, wo sie souverän die Einzelwertung holte, wurde Deutsche Einzelmeisterin, stand bei der Schäfflertanz Open in Valley ganz oben. So ganz nebenbei stieg sie mit Stuttgarts Damen in die 1. Bundesliga auf, vertrat Europa erfolgreich beim Junior Solheim Cup in den USA und bei der Junior Vagliano Trophy in den Niederlanden. Bei ihrem ersten Profiturnier, der Santander Golf Tour Barcelona Ende Oktober in Spanien (LETAS), wurde sie auf Anhieb Zweite.

Der Sieg bei der Deutschen Lochspielmeisterschaft am Anfang der Saison war so etwas wie der Schlüssel. Ein Türöffner, denn das hat mir gezeigt, dass ich mit den Besten mithalten kann“, erzählt sie von ihrem sensationellen Jahr. Auf ihrer Reise ist sie natürlich noch längst nicht am Ziel. „Ich will auf die Tour, den Solheim Cup spielen und zu Olympia.“ Das sind die Big Events, aber wer hoch hinaus will, muss groß denken. Und trotzdem einen Schritt nach dem anderen machen. Im Moment besucht sie das Max-Planck-Gymnasium in Nürtingen. In wenigen Jahren wird sie Abitur machen. Bis dahin soll noch der eine oder andere Turniersieg dazukommen. „Klar, wenn ich ein Turnier spiele, will ich es auch gewinnen.“


Ihre Fähigkeiten haben die DGV-Verantwortlichen längst registriert. Mädchen-Bundestrainer Sebastian Rühl erinnert sich noch an die Finalrunde beim Young Masters in Finnland, als Helen Briem mit einem Eagle startete und mit einem Eagle finishte. Rühl: „Es ist nicht nur beeindruckend, wie viel sie in diesem Jahr gewonnen hat, sondern vor allem wie. Das hat es in dem Ausmaß in Deutschland noch nie gegeben.“ Das lange Spiel der 1,90 Meter großen 16-Jährigen hat bereits Tour-Niveau. Und sie weiß genau, worauf es ankommt: „Dadurch, dass ich den Ball weiter schlage als die anderen, bin ich öfter in Situationen, in denen ich mit gutem Kurzspiel Birdies sammeln kann“, erzählt sie. Also müssen die Chips und Putts ebenso sitzen, dann steht einer erfolgreichen Karriere eigentlich nichts im Weg.

Sie arbeitet hart, um ihre Ziele zu erreichen. „Bei Helen stimmt das Gesamtpaket. Sie stellt die richtigen Fragen, ist fleißig, ernährt sich gut, achtet auf ihre Gesundheit, weiß enorm viel. Wir nennen sie nicht umsonst unser Sport-Wikipedia“, so Rühl. Dennoch: Dass das Jahr 2021 derart sensationell werden würde, damit hatte niemand ernsthaft gerechnet. Papa Jochen erzählt: „Damals wussten wir wegen der Pandemie-Lage gar nicht genau, was überhaupt möglich sein wird. Da war vieles unklar. Dass es am Ende so super für Helen laufen würde, konnte keiner voraussehen.“ So ist das. Auch im Leben einer Golferin. Manchmal kommt es eben anders als man denkt.