Psyche

Das Spiel im Kopf – Teil zwei: Sechs Übungen für die Driving Range


22. Oktober 2021 , Felix Grewe


Die Driving Range ist der ideale Ort, um mit neuen Übungen zu experimentieren. | © golfsupport.nl/Carl Fourie
Die Driving Range ist der ideale Ort, um mit neuen Übungen zu experimentieren. | © golfsupport.nl/Carl Fourie | © golfsupport.nl


Wenn es im Kopf zu laut ist, leidet darunter das Spiel. Zu viel Gedankenlärm sorgt für Verkrampfungen und Fehler. Im ersten Teil unserer Geschichte haben wir Ihnen fünf Tipps für mehr bewusste Aufmerksamkeit auf dem Platz verraten – basierend auf dem Inner Game of Golf-Ansatz. Nun geht es auf die Range: Wir zeigen Ihnen, wie Sie die Theorie in die Praxis umsetzen.

Jack Nicklaus gehört nicht nur zu den lebenden Legenden unseres wunderbaren Sports, er ist auch für sehr treffende Worte bekannt. Vor vielen Jahren einmal sagte er: „Golf ist ein Spiel der Gefühle und der Anpassung. Wenn du dir nicht bewusst bist, was mit deinem Geist und deinem Körper passiert, während du spielst, wirst du nie in der Lage sein, das Beste aus dir herauszuholen.“

„Nur wenn der Geist klar ist, kann der Körper auf sein gesamtes Potenzial zurückgreifen.“

Was der 81-Jährige meint, deckt sich mit den Erkenntnissen jenes Mannes, der die weltweit erfolgreiche Methode „Inner Game“ entwickelte und unter anderem auch auf das Golfspiel übertrug – Timothy Gallwey, 83. In seinem Werk „Inner Game Golf“, das in verschiedene Sprachen übersetzt wurde, schreibt er: „Nur wenn der Geist klar ist, kann der Körper auf sein gesamtes Potenzial zurückgreifen.“ Gallwey schwört auf eine Form des Trainings, die ohne klassische Fehlerkorrekturen und technische Anweisungen auskommt, da diese den Körper verkrampfen ließen. Stattdessen setzt er darauf, dass der Mensch durch ein bewusstes Wahrnehmen der eigenen Erfahrungen am besten lernt. „Dem Körper vorzuschreiben, was er zu tun hat, ist nicht der effektivste Weg zur Leistungssteigerung“, so Gallwey. Die folgenden Impulse und Übungen geben Ihnen einen ersten Eindruck davon, wie diese spezielle Form des Lernens beim Golfspielen funktioniert – und Sie können damit direkt auf der Range starten...

 

Jack Nicklaus, 81, gehörte bis in die späten 1980er Jahre zu den besten Golfern der Welt. Mit 18 Major-Siegen ist er der erfolgreichste Golfspieler der Geschichte.

Jack Nicklaus, 81, gehörte bis in die späten 1980er Jahre zu den besten Golfern der Welt. Mit 18 Major-Siegen ist er der erfolgreichste Golfspieler der Geschichte.

Sechs Tipps für Ihr Training auf der Driving Range


1) Da-Da-Da-Da – Ihre neue Übung für den Schwung!

Der Inner Game Ansatz beruht auf der Erkenntnis, dass Sie bessere Leistungen bringen, je weniger Sie darüber nachdenken, was und wie Sie etwas tun. Aber wie kann es gelingen, weniger über den eigenen Schwung zu grübeln? Gallwey empfiehlt eine simple Übung – sie heißt „Da-Da-Da-Da“ und funktioniert so: Sagen Sie „Da“ im Moment Ihrer Schwungeinleitung, „Da“ auf dem höchsten Punkt des Rückschwungs, „Da“ im Treffmoment und schließlich „Da“ bei Vollendung des Schwungs. Dieser Viertakt soll Ihr Gefühl für Rhythmus und Tempo verbessern, zudem üben Sie das Wahrnehmen Ihres Schlägerkopfes. Vor allem aber soll er Sie von sämtlichen Gedanken ablenken, die Ihnen sonst beim Schwingen im Kopf herumgeistern. Wenn Sie sich präzise auf das „Da-Da-Da-Da“ konzentrieren, so erklärt es Gallwey, bleibt Ihnen dafür nämlich keine Zeit mehr. Sie sind abgelenkt von Ihren eigenen Ablenkungen. Gallwey rät, damit zunächst auf der Driving Range zu experimentieren – und erst später auf dem Platz. „Die Übung wird Ihre Konzentration wahrscheinlich verstärken. Ihr Schwung wird freier und die Resultate werden besser“, schreibt er in seinem Buch, relativiert jedoch: „Glauben Sie nicht, dass Sie damit die Zauberformel gefunden haben und der Ball immer nach Wunsch fliegen wird. Denken Sie daran: Nicht die Wörter sorgen für den Erfolg, sondern Ihre stärkere Konzentration.“
 

Auf den Rhythmus kommt's an! Die Wahrnehmung des Schlägerkopfes lenkt Sie von störenden Gedanken ab.

Auf den Rhythmus kommt's an! Die Wahrnehmung des Schlägerkopfes lenkt Sie von störenden Gedanken ab.

2) Achten Sie auf Ihr Schlägerblatt!

Die zentrale Grundlage im Inner Game: Erfahrung ist der beste Lehrer – im Leben und damit auch im Sport! Die Voraussetzung: eine bewusste Aufmerksamkeit. „Sie allein bewirkt schon Veränderungen. Vermehrte Aufmerksamkeit führt zu besserem Lernen“, schreibt Gallwey. „Sie lernen das, worauf Ihre Aufmerksamkeit gerichtet ist.“ Das heißt: Je mehr Sie sich technischen Unzulänglichkeiten widmen, je stärker Ihre Gedanken um Ihre Schwächen kreisen, desto mehr verstärken sich diese. Gallwey schwört deshalb auf Wahrnehmungsübungen im Training – anstelle der klassischen Technikkorrekturen eines Trainers. Ein weiteres Beispiel: Wenn Sie das nächste Mal auf der Range stehen, lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit einmal darauf, ob Ihr Schlägerblatt im Treffmoment offen, geschlossen oder square steht. Wichtig: Beobachten und fühlen sie lediglich – ohne daran zu denken, was richtig oder falsch ist!

 

3) Geben Sie sich weniger Mühe!

Jawohl, Sie haben richtig gelesen: Verzichten Sie ab sofort auf jegliche Form der angestrengten Mühe! Denn je mehr Mühe Sie sich geben, zum Beispiel weiter zu schlagen oder präziser zu chippen, desto stärker misstrauen Sie Ihren eigenen Fähigkeiten. So entsteht Verkrampfung. Lauscht man Fachgesprächen zwischen Golfern, fallen oft Sätze wie diese: „Ich versuche, meinen linken Arm gerade zu halten“ oder „Ich versuche, den Ball sauber zu treffen, damit er gerade fliegt.“ Gallwey rät: „Was Sie auch immer zu tun versuchen, tun Sie es nicht! Unterlassen Sie einfach alle Bemühungen und schauen Sie, was passiert.“ Das kleine Wörtchen „versuchen“ hat nämlich eine große Wirkung in Ihrem Unterbewusstsein: Ihr Selbst 1 entschuldigt sich quasi im Voraus für ein mögliches Versagen von Selbst 2 . Der Beginn eines Kreislaufs des Scheiterns. Gallweys Versprechen: „Je weniger ein Golfer sich Mühe gibt und je mehr er Selbst 2 vertraut, desto flüssiger wird sein Schwung.“
 

Das Fühlen des eigenen Schwungs soll zu einer besseren Kontrolle beim Schlag führen.

Das Fühlen des eigenen Schwungs soll zu einer besseren Kontrolle beim Schlag führen.


4) Schlüpfen Sie in die Rolle eines Pros!

Sie kennen sicher das Spielchen mit den Erwartungen: Je mehr Sie sich mit Ihren eigenen Erwartungen an Ihr Spiel identifizieren, desto mehr erfüllen sich diese. „Wir alle tendieren dazu, unsere Erwartungen, auch unsere optimistischen, an unserer letzten Leistung zu orientieren“, schreibt Gallwey. Ergo: Hatten Sie zwei schlechte Runden, wird Sie Ihr Selbst 1 vor der nächsten daran erinnern – und wahrscheinlich eine selbsterfüllende Prophezeiung auslösen. Gallwey schlägt die sogenannte Filmschauspieler-Übung vor: Stellen Sie sich vor, Sie müssten in einem Film einen Golfer spielen, den Sie bewundern. Sie müssen nicht so gut schlagen wie jener Golfer; Sie müssen einfach nur so tun, als ob Sie so schwingen würden wie er. Am Schneidetisch wird der richtige Schwung dann eingefügt. Versuchen Sie nicht, den Schwung von Jack Nicklaus zu analysieren und zu kopieren. Stellen Sie einfach nur Jack Nicklaus dar.“ Der Clou dahinter: Sie empfinden sich plötzlich nicht mehr bloß als ein durchschnittlicher Golfer, weil Sie in die Haut des Profis schlüpfen. So soll bisher ungenutztes Potenzial freigesetzt werden, das in Ihnen schlummert. „Ihre versteckten Fähigkeiten werden ermutigt, die Einstellungen, Verhaltensweisen und Bewegungen des Pros zu simulieren“, erklärt Gallwey.

 

5) Fühlen Sie Ihren Schwung!

„Der erste Schritt zu irgendeiner Verbesserung Ihres Spiels ist eine Zunahme des Gefühls für Ihren tatsächlichen Schwung“, erklärt Gallwey. Wenn Sie Schwierigkeiten damit haben, Ihren Schwung zu fühlen, dann schließen Sie einmal die Augen beim Schwingen. Ihre Aufmerksamkeit wird größer. Ein Beispiel aus der Praxis: Nehmen wir an, Ihre Drives haben einen unangenehmen Slice. Vielleicht sagen Sie: „Schön und gut, ich bin mir meines Slices zwar bewusst, aber er bleibt.“ Gallwey dazu: „Ich nehme an, dass Sie sich Ihres Slices bewusst sind, weil Sie beobachten, wie der Ball in einer starken Kurve nach rechts wegdreht. Aber das ist etwas völlig anderes, als den Slice zu spüren. Das Fühlen des Slices unterscheidet sich von der Analyse des Slices, einer Art intellektueller Spekulation. Den Slice wirklich im Schwung zu fühlen, bedeutet, dass Sie, ohne hinzuschauen, sagen könnten, ob der Ball mehr oder weniger nach rechts wegdrehte als der vorherige.“ Gallwey erklärt: „Fühlen heißt wissen. Wissen sorgt für mehr Kontrolle. Die Entwicklung Ihres Gespürs soll mehr Licht in Ihren Schwung bringen.“ Also, achten Sie weniger auf das, was Sie sehen und mehr auf das, was Sie fühlen.  
 

Frust und Enttäuschung gehören zum Spiel – auch bei Rory McIlroy. Experte Gallwey rät, das urteilsfreie Wahrnehmen zu üben.

Frust und Enttäuschung gehören zum Spiel – auch bei Rory McIlroy. Experte Gallwey rät, das urteilsfreie Wahrnehmen zu üben.

6) Urteilen Sie weniger über Ihre Leistungen!

Zum Abschluss die Königsdisziplin: das urteilsfreie Wahrnehmen. Bewerten Sie weniger und nehmen Sie nur das wahr, was wirklich ist. Auf Beurteilungen zu verzichten, bedeutet keineswegs, dass Sie Fehler ignorieren sollen. Gemeint ist lediglich, dass Sie das Resultat Ihrer Schläge so klar und deutlich sehen sollen, wie es ist – ohne ihm etwas hinzuzufügen, was nicht da ist. Drei missglückte Putts bedeuten nämlich nicht, dass Sie einen miesen Tag erwischt haben. Eine in Ihren Augen schlechte Runde macht Sie nicht zu einem schwachen Golfer. „Der erste Schritt zu leichteren Veränderungen ist die wertfreie Wahrnehmung von Dingen, wie sie sind“, schreibt Gallwey. 

Das eigene Urteil ist häufig vernichtend. Es löst emotionale Reaktionen aus, die wiederum Verkrampfungen und übermäßiges Bemühen nach besserer Leistung nach sich ziehen. Wohin dies führt, haben Sie unter Punkt drei gelesen...